Klettersteige gehören zu den zugänglichsten Wegen, um in echtes alpines Gelände vorzudringen, ohne dafür jahrelange Klettererfahrung mitbringen zu müssen. Mit Drahtseilen, Trittstiften und Leitern gesichert, erschließen sie Felswände und Grate, die für normale Wanderwege zu steil wären, und ermöglichen so ein Bergerlebnis, das irgendwo zwischen Wandern und Klettern liegt. Genau diese Zugänglichkeit birgt jedoch auch eine Gefahr: Klettersteige wirken oft sicherer, als sie tatsächlich sind, und werden von Einsteigern gelegentlich unterschätzt.
Wer sich zum ersten Mal an einen Klettersteig wagt, sollte sich deshalb nicht allein von der vorhandenen Sicherung leiten lassen, sondern sich bewusst mit Ausrüstung, Technik und den eigenen Grenzen auseinandersetzen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über das, was Einsteiger vor dem ersten Klettersteig wissen sollten.
Die wachsende Beliebtheit von Klettersteigen liegt genau in diesem Zwischenbereich begründet: Sie bieten alpines Ausgesetztheitsgefühl, spektakuläre Ausblicke und ein intensives Naturerlebnis, ohne dass eine mehrjährige Kletterausbildung notwendig wäre. Diese vermeintliche Niedrigschwelligkeit macht es umso wichtiger, sich der tatsächlichen Anforderungen bewusst zu sein.
Was ist ein Klettersteig überhaupt?
Ein Klettersteig ist ein alpiner Weg, der durch ein fest installiertes Drahtseil sowie durch Trittstifte, Klammern oder kurze Leitern gesichert und begehbar gemacht wird. Anders als beim freien Klettern bewegt man sich dabei stets entlang einer vorgegebenen, mit dem Fels verankerten Sicherung, in die man sich mit einem speziellen Klettersteigset einhängt. Das Gelände selbst kann dabei von mäßig steilen Felsstufen bis zu senkrechten, stark ausgesetzten Passagen reichen.
Klettersteige unterscheiden sich damit deutlich vom klassischen Wandern, weil sie Trittsicherheit, eine gewisse Grundfitness in Armen und Rumpf sowie Schwindelfreiheit erfordern. Gleichzeitig sind sie technisch weniger anspruchsvoll als freies Klettern, da die Route und die Sicherungspunkte vorgegeben sind und keine eigene Routenfindung im Fels notwendig ist.
Die Ursprünge vieler Klettersteige reichen bis in die Zeit zurück, als im Hochgebirge Wege für Grenztruppen oder für den alpinen Tourismus gesichert wurden. Heute haben sich Klettersteige zu einer eigenständigen alpinen Disziplin entwickelt, die weit über ihre ursprüngliche Funktion hinausgeht und Menschen mit ganz unterschiedlichem Erfahrungshintergrund den Zugang zu spektakulärem Gelände ermöglicht.
Schwierigkeitsgrade verstehen
Klettersteige werden üblicherweise in Schwierigkeitsstufen eingeteilt, die von leichten, wanderähnlichen Routen bis zu extrem schwierigen, kraftraubenden Passagen reichen. Eine leichte Stufe bedeutet meist mäßig steiles Gelände mit guten Tritten und wenig Ausgesetztheit, während höhere Schwierigkeitsstufen zunehmend überhängende, glatte oder stark ausgesetzte Abschnitte enthalten können, die deutlich mehr Kraft, Technik und psychische Stabilität verlangen.
Für den Einstieg empfiehlt es sich, bewusst eine leichte bis höchstens mittlere Schwierigkeitsstufe zu wählen und dabei realistisch einzuschätzen, wie man selbst auf große Höhe, Ausgesetztheit und die Notwendigkeit reagiert, sich über längere Zeit am eigenen Kraftaufwand festzuhalten. Ein Klettersteig, der auf dem Papier kurz erscheint, kann sich in der Praxis wegen anhaltender Kraftanforderung deutlich anstrengender anfühlen als gedacht.
Die richtige Ausrüstung
Eine vollständige und korrekt sitzende Ausrüstung ist beim Klettersteiggehen keine Option, sondern Grundvoraussetzung. Improvisierte oder unvollständige Ausrüstung gehört zu den häufigsten vermeidbaren Risikofaktoren.
- Ein Kletterhelm schützt vor Steinschlag sowie vor Kopfverletzungen bei einem möglichen Sturz.
- Ein Klettersteigset mit Bandfalldämpfer verbindet den Klettergurt mit dem Drahtseil und dämpft im Falle eines Sturzes die auftretenden Kräfte.
- Ein passender Klettergurt sollte korrekt eingestellt und fest sitzend getragen werden.
- Klettersteighandschuhe schützen die Hände vor dem scharfkantigen Drahtseil und vor Abschürfungen.
- Festes, griffiges Schuhwerk mit stabiler Sohle ist für sicheren Halt auf Fels unverzichtbar.
- Ein kleiner Rucksack mit Wasser, Verpflegung, Erste-Hilfe-Set und wetterfester Kleidung gehört ebenfalls zur Grundausstattung.
Warum ein Klettersteigset kein Kletterseil ersetzt
Ein wichtiger, oft unterschätzter Punkt betrifft die Physik des Sturzes am Klettersteig. Weil das Drahtseil starr im Fels verankert ist, kann ein Sturz am Klettersteig deutlich härtere Kräfte erzeugen als ein durch ein dynamisches Kletterseil abgefangener Sturz. Genau deshalb ist ein Klettersteigset mit funktionierendem Bandfalldämpfer unverzichtbar, und genau deshalb sollte man sich niemals mit improvisierten Selbstsicherungen, etwa einer einfachen Bandschlinge ohne Falldämpfer, an einen Klettersteig wagen.
Vorbereitung und Training vor dem ersten Klettersteig
Wer noch nie an einem Klettersteig unterwegs war, profitiert davon, sich schrittweise heranzutasten. Ein Übungsklettersteig oder eine kurze, leichte Route in der Nähe des Wohnorts eignet sich gut, um ein Gefühl für die Technik, das Einhängen am Drahtseil und den eigenen Umgang mit Ausgesetztheit zu entwickeln, bevor man sich an eine längere, anspruchsvollere Tour im Hochgebirge wagt.
Auch die körperliche Vorbereitung sollte nicht unterschätzt werden. Klettersteiggehen beansprucht vor allem die Arm- und Griffkraft deutlich stärker als klassisches Wandern, insbesondere in steilen oder überhängenden Passagen. Ein gewisses Grundtraining der Arm- und Rumpfmuskulatur im Vorfeld erleichtert nicht nur die Tour selbst, sondern trägt auch dazu bei, in schwierigen Momenten ruhig und kontrolliert zu reagieren.
Bei Klettersteigen im Hochgebirge kommt neben der technischen und konditionellen Vorbereitung auch die Höhe als zusätzlicher Faktor hinzu. Wer nicht an große Höhen gewöhnt ist, sollte dies bei der Tourenplanung berücksichtigen und im Zweifel eine Route in moderater Höhenlage für den Einstieg wählen, bevor er sich an hochalpine Klettersteige mit entsprechend dünnerer Luft wagt.
Sicherheitsregeln am Klettersteig
Neben der richtigen Ausrüstung entscheidet vor allem das eigene Verhalten am Klettersteig über die Sicherheit der Tour. Ein paar grundlegende Regeln sollten dabei immer beachtet werden.
- Zwischen mehreren Kletternden am selben Drahtseilabschnitt sollte stets ausreichend Abstand gehalten werden, um im Falle eines Sturzes eine Kettenreaktion zu vermeiden.
- Bei Gewitter oder aufziehendem Unwetter sollte ein Klettersteig grundsätzlich nicht begonnen oder umgehend verlassen werden, da exponierte Felswände und Drahtseile ein erhebliches Risiko bei Blitzschlag darstellen.
- Nasser oder vereister Fels erhöht die Rutschgefahr erheblich und macht auch leichte Klettersteige deutlich anspruchsvoller.
- Wer sich unsicher oder überfordert fühlt, sollte nicht zögern, umzukehren, auch wenn dies bedeutet, einen bereits begonnenen Klettersteig nicht zu Ende zu gehen.
- Eine realistische Zeitplanung mit ausreichend Puffer verhindert, dass man in der Dämmerung oder Dunkelheit noch am Steig unterwegs ist.
Den passenden Klettersteig für den Einstieg wählen
Nicht jeder als „leicht“ beworbene Klettersteig eignet sich tatsächlich für absolute Anfänger. Länge, Gesamthöhenunterschied, Zustiegsweg und die Möglichkeit eines vorzeitigen Ausstiegs unterscheiden sich selbst innerhalb derselben Schwierigkeitsstufe zum Teil erheblich. Für den Einstieg empfiehlt sich eine kurze, gut abgesicherte Route mit einfachem Zu- und Abstieg, idealerweise in Begleitung einer erfahrenen Person oder im Rahmen eines geführten Kurses.
Auch die Tageszeit und die zu erwartende Auslastung des Steigs spielen eine Rolle. Ein stark frequentierter Klettersteig an einem schönen Wochenende kann durch Wartezeiten an Engstellen zusätzlichen Stress erzeugen, der gerade für Einsteiger vermeidbar sein sollte. Ein früher Start oder ein Wochentag abseits der Hauptsaison sorgt in der Regel für ein ruhigeres, entspannteres Erlebnis.
Wer sich unsicher fühlt, sollte die Möglichkeit eines geführten Einsteigerkurses in Betracht ziehen. Erfahrene Bergführerinnen und Bergführer vermitteln dabei nicht nur die richtige Technik im Umgang mit dem Klettersteigset, sondern auch ein realistisches Gefühl für die eigenen Grenzen, das sich beim ersten eigenständigen Klettersteig als sehr wertvoll erweisen kann.
Verhalten im Notfall
Trotz aller Vorbereitung lässt sich nicht jedes Risiko ausschließen, weshalb es sinnvoll ist, sich auch mit dem Verhalten im Notfall auseinanderzusetzen, bevor man losgeht. Wer sich selbst oder eine Begleitperson nicht mehr sicher weiterbewegen kann, sollte sich möglichst in eine stabile, gesicherte Position am Drahtseil begeben und dort Hilfe abwarten, statt zu versuchen, die Situation unter Zeitdruck alleine zu lösen.
Ein funktionsfähiges Mobiltelefon mit ausreichend Akku, im Idealfall mit gespeicherten Notrufnummern der Region, gehört ebenso zur Grundausstattung wie das Wissen, wie man im alpinen Gelände die eigene Position möglichst genau beschreiben kann. Wer diese Punkte vor der Tour bedenkt, geht deutlich entspannter und zugleich verantwortungsvoller an sein erstes Klettersteigerlebnis heran.