In den Vogesen lohnt der Oktober mehr als der August

Im August steht auf dem Kamm der Vogesen die Hitze, die Parkplätze an den Passhöhen sind voll, und die Fernsicht verschwindet ab dem späten Vormittag im Dunst. Im Oktober kehrt sich das um: Die Rheinebene liegt oft unter einer geschlossenen Nebeldecke, während oberhalb von etwa tausend Metern die Sonne scheint und der Blick bis zu den Alpen reicht.

Dazu kommt die Vegetation. Die Buchenwälder an den Hängen färben sich, und auf den Hochweiden werden die Heidelbeerfelder rot, sodass ganze Kuppen die Farbe wechseln. Diese Kombination aus Nebelmeer unten und Farbe oben hält im Mittel ein paar Wochen und ist der eigentliche Grund, hier im Herbst zu wandern.

Der Preis dafür sind kürzere Tage, wechselhaftes Wetter und ein Teil der Infrastruktur, der bereits schließt. Wer das einplant, bekommt das Gebirge in seiner besten Phase. Wer mit dem Sommerplan anreist, steht vor geschlossenen Wirtschaften und im Dunkeln am Auto.

  • Lage: Mittelgebirge im Osten Frankreichs, parallel zum Rhein, gegenüber dem Schwarzwald
  • Höchster Punkt: der Grand Ballon mit 1424 Metern, erkennbar an der Radarkuppel
  • Beste Wochen: Anfang bis Ende Oktober, je nach Höhenlage
  • Typische Wetterlage: Hochnebel im Tal, Sonne ab etwa 900 bis 1100 Metern
  • Markierung: geometrische Zeichen des Club Vosgien, der Kammweg trägt den roten Balken
  • Notruf: in Frankreich europaweit die 112
  • Wichtig: Öffnungszeiten der Bergwirtschaften vorher prüfen, viele schließen im Spätherbst

Warum der Oktober hier mehr hergibt als der August

Der erste Grund ist die Sicht. Im Sommer liegt über der Oberrheinebene fast täglich Dunst, der die Fernsicht auf wenige Kilometer drückt. Im Oktober bringt kalte, trockene Luft nach einer Front eine Klarheit, die im Hochsommer selten vorkommt.

Der zweite Grund ist die Temperatur. Die Anstiege von den Talorten auf den Kamm sind kurz und steil, oft 800 bis 1100 Höhenmeter am Stück. Bei dreißig Grad ist das eine Quälerei, bei zwölf eine angenehme Tour.

Der dritte Grund ist Ruhe. Nach den französischen Sommerferien und dem Ende der Radsaison auf der Kammstraße leeren sich die Wege spürbar. Unter der Woche kann man auf Abschnitten des Kammwegs stundenlang niemandem begegnen.

Die Höhenstaffelung: von der Rheinebene bis auf 1424 Meter

Die Vogesen steigen aus der Rheinebene bei etwa 200 Metern in wenigen Kilometern auf über 1400 an. Der höchste Gipfel ist der Grand Ballon mit 1424 Metern, gefolgt vom Storkenkopf mit 1366 und dem Hohneck mit 1363 Metern.

Diese Zahlen wirken bescheiden, die Höhenmeter pro Tour sind es nicht. Weil die Talorte tief liegen, sammelt eine Tagestour von Munster auf den Hohneck rund tausend Höhenmeter, und der Anstieg aus dem Thurtal zum Grand Ballon liegt in derselben Größenordnung.

Nach Norden hin wird das Gebirge deutlich niedriger. In den Nordvogesen erreicht der Grand Wintersberg 581 Meter, und die Landschaft besteht aus bewaldeten Sandsteinrücken statt aus Karen und Hochweiden. Das ist kein schwächerer Teil, sondern ein anderer.

Zwei Seiten, zwei Wetterlagen

Die Ostseite fällt steil zur elsässischen Ebene ab. Sie liegt im Regenschatten des eigenen Kamms, weshalb Colmar zu den niederschlagsärmsten Orten Frankreichs zählt und die Hänge bis in mittlere Lagen von Weinbergen bedeckt sind.

Die Westseite gehört zu Lothringen, steigt flacher an und bekommt deutlich mehr Niederschlag. Dort dominieren ausgedehnte Wälder, Hochmoore und die großen Seen um Gérardmer und La Bresse. Bei Westwind regnet es hier, während drüben die Sonne scheint.

Für die Tourenplanung heißt das: Bei feuchter Westströmung wandert man östlich des Kamms, bei Ostwind eher westlich. Diese eine Entscheidung rettet im Oktober mehr Tage als jede Ausrüstungsfrage.

Nebel unten, Sonne oben: die Inversionslagen im Oktober

Bei ruhigem Hochdruckwetter kühlt die Luft in der Rheinebene nachts stark aus und sammelt sich als kalte, feuchte Schicht am Boden. Darüber liegt wärmere Luft. Das Ergebnis ist eine Hochnebeldecke, die sich im Oktober häufig den ganzen Tag hält.

Die Obergrenze liegt meist zwischen 700 und 1100 Metern. Wer sie abschätzen will, schaut auf Webcams an bekannten Passhöhen und auf die Temperaturwerte von Berg- und Talstationen: Ist es oben wärmer als unten, steht die Inversion.

Praktisch bedeutet das einen Start im Grauen bei fünf Grad und einen Kamm bei fünfzehn Grad in der Sonne. Die Kleidung muss beides abdecken, und der Rückweg führt am späten Nachmittag wieder in die kalte Schicht hinein.

Die Hochweiden und ihre Wirtschaften

Der Kamm ist über weite Strecken waldfrei. Diese offenen Flächen, die Chaumes, sind alte Weideflächen, die seit Jahrhunderten mit Rindern beschickt und offen gehalten werden. Sie geben dem Gebirge sein charakteristisches Bild: runde, grasige Kuppen mit weiter Sicht.

Auf ihnen liegen die Fermes-auberges, bewirtschaftete Höfe, die Wanderer verpflegen und regionale Gerichte servieren. Das ist keine Gastronomie im Sinne eines Restaurants, sondern ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Gaststube, und die Öffnung hängt am Almbetrieb.

Genau darin liegt der Planungsfehler im Oktober: Ein Teil dieser Höfe stellt den Betrieb nach der Weidesaison ein. Wer sich auf eine Einkehr verlässt, prüft vorher die Angaben des jeweiligen Betriebs und nimmt trotzdem Verpflegung mit.

Wandern in den Vogesen: drei Ausgangspunkte für den Oktober

Das Gebirge ist über 100 Kilometer lang, und der Unterschied zwischen Nord und Süd ist größer als der zwischen zwei Mittelgebirgen. Drei Ausgangsräume decken die Bandbreite ab und lassen sich jeweils in zwei bis drei Tagen erschließen.

Im Norden geht es um Sandsteinfelsen, Burgruinen und lange Waldwege mit wenig Höhenmetern. In der Mitte um Kare, Seen und den Kammweg. Im Süden um steile Talschlüsse und die höchsten Gipfel.

Wer zum ersten Mal hier wandert, sollte nicht versuchen, alle drei in einer Woche zu verbinden. Die Fahrzeiten entlang des Kamms sind länger, als die Karte vermuten lässt, weil die Straßen kurvig sind und über Pässe führen.

Der Norden: Buntsandstein, Burgen, wenig Höhenmeter

Burgruine auf einem Sandsteinfelsen über herbstlich gefärbtem Wald, Mauerreste ragen aus dem Fels
No machine-readable author provided. Mav assumed (based on copyright claims). / CC BY-SA 2.5

Zwischen Wissembourg und Niederbronn-les-Bains liegt ein durchgehend bewaldetes Sandsteingebirge, das als regionaler Naturpark geschützt ist und zusammen mit dem angrenzenden Pfälzerwald ein grenzüberschreitendes Biosphärenreservat bildet.

Die Landschaft besteht aus Felsrippen, tief eingeschnittenen Tälern und Burgruinen auf exponierten Felsköpfen. Die Höhenunterschiede bleiben moderat, meist 300 bis 500 Höhenmeter pro Tag, und die Wege sind gut markiert und wenig ausgesetzt.

Im Oktober ist das eine sichere Bank: Die Buchen- und Eichenwälder färben spät, der Nebel stört hier weniger, weil man ohnehin unter der Baumkrone geht, und die Runden lassen sich problemlos auf drei Stunden kürzen, wenn das Wetter kippt. Für einen Kurztrip über drei Tage ist die Ecke ideal.

Die Mitte: Münstertal, Hohneck und die Seen

Dunkler Karsee unter steilen Felswänden, umgeben von Nadelwald und braunem Grashang
Vyacheslav Argenberg / CC BY 4.0

Munster liegt auf etwa 380 Metern, der Hohneck auf 1363. Zwischen beiden liegen die eindrucksvollsten Formen des Gebirges: Kare mit steilen Felswänden, kleine Karseen wie der Lac Blanc und der Lac Noir und lange Kammabschnitte mit Blick nach beiden Seiten.

Von hier führen die klassischen Anstiege auf den Kamm, meist mit 800 bis 1100 Höhenmetern und einem Rückweg über einen benachbarten Grat. Der Col de la Schlucht auf gut 1100 Metern ist der bekannteste Zugang und ein guter Startpunkt, wenn die Beine kürzere Anstiege brauchen.

Der Bereich ist im Oktober der schönste und zugleich der anspruchsvollste. Über 1200 Metern kann bereits Schnee liegen, die Kammwege sind bei Nebel schwer zu halten, und ein Wettersturz auf offenem Gelände wird schnell unangenehm.

Der Süden: Grand Ballon und die steilen Talschlüsse

Südlich des Col de la Schlucht wird das Gebirge höher und steiler. Von Thann und Guebwiller aus geht es auf 300 Metern los, der Grand Ballon liegt auf 1424. Das ergibt Tagestouren mit 900 bis 1300 Höhenmetern und Abstiege, die in den Knien zu spüren sind.

Entschädigt wird man mit der weitesten Sicht des Gebirges. Bei klarer Luft nach einer Kaltfront reicht der Blick vom Gipfelbereich über die Rheinebene zum Schwarzwald und bei sehr guten Bedingungen bis in die Alpen. Genau diese Tage gibt es im Oktober häufiger als im Sommer.

Auch der Ballon d’Alsace mit 1247 Metern am Südende gehört hierher. Er ist über gut ausgebaute Wege leichter zu erreichen und eine sinnvolle Alternative, wenn der lange Anstieg zum Grand Ballon zu viel ist.

Welche Ecke zu welcher Kondition passt

Die folgende Übersicht ordnet die drei Räume nach dem, was sie an einem Tag verlangen. Die Höhenmeter beziehen sich auf eine Rundtour vom Talort, nicht auf eine Etappe mit Bahnanschluss.

Raum Höhenlage Höhenmeter pro Tag Charakter Passt zu
Nordvogesen 200 bis 580 m 300 bis 500 Sandsteinfelsen, Burgen, Waldwege Familien, Einsteiger, Schlechtwettertage
Münstertal und Hohneck 380 bis 1363 m 700 bis 1100 Kare, Karseen, offener Kammweg geübte Wanderer mit Trittsicherheit
Südvogesen um den Grand Ballon 300 bis 1424 m 900 bis 1300 steile Talschlüsse, Hochweiden, Fernsicht konditionsstarke Wanderer

Wer unsicher ist, beginnt eine Stufe niedriger als geplant. Die kurzen, steilen Anstiege sind der Punkt, an dem Wanderer aus flacheren Mittelgebirgen ihre Zeitplanung regelmäßig verfehlen.

Die Markierungen des Club Vosgien lesen

Das Wegenetz wird seit dem 19. Jahrhundert vom Club Vosgien unterhalten und ist dicht und zuverlässig markiert. Das System arbeitet mit geometrischen Formen in verschiedenen Farben, nicht mit Namen oder Nummern.

Der rote Balken kennzeichnet den durchgehenden Kammweg, weitere Balken in anderen Farben stehen für Fernwanderwege. Ring, Dreieck, Kreuz, Scheibe und Raute in jeweils eigenen Farben bezeichnen kürzere Verbindungen und Zustiege. An Kreuzungen hängen Schilder mit Zielen und Gehzeiten.

Weil das System auf Formen beruht, funktioniert es auch bei schlechtem Licht. Trotzdem gilt im Nebel auf dem offenen Kamm dasselbe wie überall: Karte und Kompass gehören dazu, und die Kombination aus Papierkarte und Gerät ist der digitalen Variante allein überlegen.

Anreise und Bewegung vor Ort

Die östlichen Talorte sind über die Bahnstrecke entlang der Rheinebene mit Strasbourg, Sélestat, Colmar und Mulhouse gut erreichbar, von dort führen Regionalbusse in die Täler. Auf der lothringischen Seite ist Saint-Dié-des-Vosges ein Ausgangspunkt.

Die Kammstraße, die Route des Crêtes, verbindet die Passhöhen entlang des Grats. Sie stammt aus dem Ersten Weltkrieg und wurde als Militärstraße angelegt. Einzelne Abschnitte werden im Winter nicht geräumt und sind dann gesperrt, weshalb die Öffnung vor der Anreise zu prüfen ist.

Fahrpläne der Buslinien dünnen außerhalb der Sommersaison aus. Wer eine Streckentour plant, prüft die Rückfahrt zuerst und legt die Route danach, nicht umgekehrt. Das gilt besonders für Sonntage.

Wo man im Oktober übernachtet

Die verlässlichste Basis sind die Talorte auf der elsässischen Seite. Hotels, Gästezimmer und Ferienwohnungen laufen dort ganzjährig, die Preise sinken nach der Hauptsaison, und die Zustiege zum Kamm beginnen direkt vor der Tür.

Auf dem Gebirge selbst gibt es Unterkünfte in einfacher Form: Etappenherbergen für Wanderer sowie Hütten und Chalets, die von den Sektionen des Club Vosgien betrieben werden. Beide Kategorien haben eingeschränkte Öffnungszeiten und verlangen im Herbst fast immer eine Voranmeldung.

Wer eine Streckentour plant, bucht die Unterkünfte vor der Route und nicht danach. Im Oktober entscheidet nicht die schönste Etappe über den Tagesplan, sondern die Frage, wo abends überhaupt jemand aufsperrt.

Wetter, Ausrüstung und Umkehrzeit

Auf dem Kamm weht fast immer Wind, und die gefühlte Temperatur liegt deutlich unter der gemessenen. Zur Standardausrüstung im Oktober gehören eine winddichte Schicht, Mütze, Handschuhe, Regenschutz und eine Stirnlampe, weil die Sonne bereits gegen halb sieben untergeht und im Wald früher.

Ab etwa 1200 Metern ist im Oktober Nassschnee möglich, der auf Grasflanken und Blockwerk sehr rutschig wird. Nordseitige Abstiege können vereist sein, während die Südseite trocken ist. Wer das nicht einkalkuliert, unterschätzt den Zeitbedarf erheblich.

Legen Sie eine feste Rückkehrzeit fest und rechnen Sie im Nebel einen Aufschlag ein. Der Notruf ist in Frankreich die 112, die auch aus dem Ausland und über fremde Netze funktioniert. Diese Grundregeln gelten hier genauso wie bei Touren im Schwarzwald auf der anderen Rheinseite.

Der Kamm als Kriegslandschaft

Der Grat war zwischen 1914 und 1918 Frontlinie. Auf mehreren Kuppen sind Stellungen, Gräben, Stollen und Gedenkstätten erhalten, sichtbar direkt am Weg. Am Hartmannswillerkopf oberhalb von Cernay befindet sich eine nationale französische Gedenkstätte, am Lingekopf bei Orbey ein weiterer erhaltener Frontabschnitt.

Für die Wanderung hat das zwei Folgen. Die erste ist inhaltlich: Wer sich vorher einliest, geht anders über diese Kuppen. Die zweite ist praktisch: Betonreste, Drahtreste und offene Stollen liegen teilweise unmittelbar neben dem Weg.

Das Verlassen der markierten Wege ist in diesen Bereichen keine gute Idee, und Fundstücke bleiben liegen. In den bunten Laubwäldern unterhalb der Kuppen sieht man von alldem wenig, oben dagegen prägt es die Landschaft bis heute.

Häufige Fragen

Wann färben sich die Wälder am stärksten?

Die Färbung wandert von oben nach unten. In den Hochlagen beginnt sie meist Anfang Oktober, in den Tälern und in den Nordvogesen zwei bis drei Wochen später. Ein früher Kälteeinbruch beschleunigt den Ablauf, eine milde Phase zieht ihn auseinander.

Lohnt sich der Kammweg als Mehrtagestour im Oktober?

Die Strecke selbst ja, die Logistik wird schwieriger. Unterkünfte und Bergwirtschaften entlang des Grats reduzieren ihren Betrieb, und die Etappen sind lang. Sinnvoller sind im Herbst Abschnitte von zwei bis drei Tagen mit fester Unterkunft im Tal.

Wie kalt wird es auf dem Kamm?

Rechnen Sie im Oktober mit einstelligen Werten und Wind, in klaren Nächten mit Frost in den Hochlagen. Die Faustregel von etwa sechs Grad Abnahme pro tausend Höhenmeter trifft es ungefähr, der Wind zieht davon noch einmal spürbar ab.

Sind die Wege bei Nässe problematisch?

Auf den Waldwegen kaum, auf Granitplatten und Blockwerk im Kammbereich schon. Nasses Gras auf steilen Weiden ist die unterschätzteste Rutschgefahr des Gebirges. Profilierte Sohlen und Stöcke helfen, Eile hilft nicht.

Braucht man Französischkenntnisse?

Für Wegweiser und Karten nicht, das Markierungssystem arbeitet mit Formen und Farben. Im Elsass sind deutsche Ortsnamen weit verbreitet und Verständigung meist unproblematisch. Auf der lothringischen Seite hilft ein Grundwortschatz, vor allem bei Fahrplänen und Öffnungszeiten.

Wer im Oktober herkommt, tauscht Wärme gegen Sicht und Andrang gegen Ruhe. Das ist ein guter Tausch, solange die Rückkehrzeit steht und die Einkehr nicht Teil des Plans, sondern eine Zugabe ist.